Perspektiven für die heimische Landwirtschaft schaffen
Wohl dem, der an diesem Tag pünktlich zur Generalversammlung der Raiffeisen Münster LAND eG kam. Denn mit der Begrüßung der rund 170 Mitglieder und Gäste durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Johannes Lutum im Schützenfestzelt an der Hobbeltstraße in Münster-Handorf fing es an, wie aus Kübeln zu gießen.
Davon ließ sich die Versammlung jedoch nicht beeinflussen. Bezirksbürgermeister Benedikt Spangenberg hob zu Beginn in seinem Grußwort die Bedeutung und engen Bezug der Landwirtschaft für Münster hervor und entbot „ein herzliches Willkommen“. Hermann Hesseler, Vorstandsmitglied der AGRAVIS Raiffeisen AG, gratulierte zum Ergebnis in 2023 und dankte im Namen seiner Hauptgenossenschaft „für die gute Zusammenarbeit“ der beiden genossenschaftlichen Unternehmen.
„Wir haben ein durchaus schwieriges und forderndes Jahr hinter uns gebracht“, erläuterte Geschäftsführer Reinhard Pröbsting anschließend in seinem Bericht. „Vor allem die volatilen Märkte im Agrarsektor – Kerngeschäft der Raiffeisen Münster LAND – haben sich im Jahresergebnis für 2023 niedergeschlagen. „Diesen Risiken und der damit verbundenen erschwerten Planbarkeit müssen auch wir uns stellen“, verdeutlichte Pröbsting.
So sank der erwirtschaftete Gesamtumsatz, ausgelöst durch die deutlichen Preisrückgänge in den wichtigen Teilmärkten Getreide, Futter- und Düngemittel, auf nunmehr 112,5 Millionen Euro. Rund 58 Prozent des Gesamtumsatzes wurden aus dem landwirtschaftlichen Geschäft (Futtermittel, landwirtschaftliche Erzeugnisse, Pflanzenbau) erzielt. Immer wichtiger werden jedoch die diversifizierten Geschäftsfelder Einzelhandel, Energie und Baustoffe. Während der Bereich Baustoffe von der konjunkturellen Großwetterlage negativ beeinflusst wurde, verzeichnete man im Energiesektor eine positive Entwicklung. Der Energiebereich wird um das Themenfeld „regenerative Energie“ Ausbau PV an den Standorten, Inbetriebnahme von zunächst zwei Schnellladestationen in Telgte und Greven sowie mit dem Auf- und Ausbau von modernen Backendlösungen zur Verwaltung von Ladeinfrastruktur erweitert.
Verkauft wurde der Standort am Bahnweg in Westbevern sowie ein landwirtschaftlicher Standort in Greven. Das hat sich auch im Jahresergebnis für 2023 positiv niedergeschlagen. In Greven wurde darüber hinaus die Siloanlage um zwei weitere Silos erweitert und in Everswinkel wurden umfangreiche Erneuerungen in der Getreidelagerung und Bearbeitung investiert, sowie eine moderne Absackanlage aufgebaut, die in 2024 in Betrieb gehen wird. Mit dem Investment soll gezielt die Wertschöpfung im Segment Getreide verbessert werden. Eine Tankstelle in Alverskirchen wurde übernommen. Zudem wurden die Verwaltung neu strukturiert und der Fuhrpark verschlankt. Verstärkt investiert die Genossenschaft zudem in die Weiterbildung der Beschäftigten und die Ausbildung von Nachwuchskräften.
Insgesamt habe man zurückblickend in den letzten (fusioniert wurde zum 01.1.2020) fünf Jahren über 13 Millionen Euro investiert und damit das Unternehmen „solide entwickelt und aufgestellt“, so Pröbsting. „Darauf können wir gemeinsam stolz sein.“ Davon gingen rund 9,5 Millionen Euro in den Agrarsektor. „Damit schaffen wir heute und in Zukunft die Voraussetzungen, um uns den veränderten Ansprüchen der landwirtschaftlichen Mitglieder zu stellen“, betonte Pröbsting. „Agrar ist unsere DNA – das wird auch so bleiben.“
Die Geschäftsentwicklung in den ersten vier Monaten 2024 wurde im Agrargeschäft u.a. stark durch die heftigen Regenfälle beeinflusst. Einzelhandel und Energiegeschäft hätten sich „positiv gezeigt“, so Pröbsting. Im Fokus liege jedoch eindeutig das Agrargeschäft.
In geheimer Wahl wurden anschließend das Jahresergebnis bestätigt sowie Vorstand und Aufsichtsrat entlastet. Ebenso werden die 1.119 Mitglieder nach Beschluss der Versammlung mit einer Dividende von 4,0 Prozent am Jahresüberschuss in Höhe von 94.000 Euro beteiligt. Zudem werden die Rücklagen gestärkt. Die Eigenkapitalquote steigt auf 40,7 Prozent.
Einstimmig erneut in den Aufsichtsrat gewählt wurden Ralph Uennigmann (Greven) und Benedikt Schulze-Dieckhoff (Münster-Kinderhaus). Wilhelm Ashölter schied aus dem Vorstand aus. Diese Ehrung musste krankheitsbedingt verschoben werden. Mit der Ehrenurkunde des Raiffeisenverbandes Westfalen-Lippe (RVWL) durch dessen Vorstand Frank Niemer geehrt wurde das ausscheidende Aufsichtsratsmitglied Peter Mindrup. „Für zwölf Jahre im Ehrenamt möchte ich Danke sagen“, so Niemer.
„Nutztierhaltung im Wandel: Perspektiven einer Nachhaltigkeitstransformation“ – dazu sprach abschließend ebenso kompetent wie eloquent Dr. Barbara Grabkowsky, Leiterin des Verbunds Transformationsforschung Agrar Niedersachsen (trafo:agrar) bei der Universität Vechta, wo sie sich intensiv mit der (inter-)nationalen Analyse und Begleitung von Transformationsprozessen in der Agrar- und Ernährungsbranche beschäftigt.
Die Landwirtschaft befinde sich in einem gesellschaftlich vorangetriebenen Wandlungsprozess, in dem grundlegende Veränderungen der Landwirtschaft und weiteren Sektoren angestoßen wurden und werden, so die Referentin. Diese Änderungen konzentrierten sich u.a. auf Tierwohl, Klimaschutz, Klimaanpassung und Umweltschutz, verdeutlichte Dr. Barbara Grabkowsky. Exogene (z. B. gesetzliche Auflagen) und indigene Herausforderungen (z. B. betriebliches Management) gelte es für die heimische Landwirtschaft zu bewältigen.
Ihre Schlussfolgerung: „Das größte Risiko in der Transformation, in der wir uns gerade befinden ist der Verlust der heimischen Landwirtschaft. Wenn wir die Produktion, die ja bei uns extrem gut funktioniert und kontrolliert ist, ins Ausland verlagern, dann ist das Risiko, dass wir zu schlechteren und nicht so nachhaltigen Bedingungen Lebensmittel importieren werden , inzwischen sehr hoch“.
